(Reprint of an review in "Der Musik Markt", 45/1999)

Stefan Hussong plays Frescobaldi

Schifferklavier, Quetschkommode oder einfach Quetsche: Das Akkordeon muss sich noch immer manche Despektierlichkeit gefallen lassen, obwohl es längst nicht mehr auf der Reeperbahn nachts um halb eins gespielt wird, sondern die internationalen Konzertsäle und sogar die Herzen mancher zeitgenössischer Komponisten erobert hat. Wenn das Instrument unter den Händen eines berufenen Virtuosen zum Leben erweckt wird, wenn man hört, wie es dann in großen Phrasen atmet und sein ganzes Spektrum an Nuancen und feinsten Akzenten offenbart, wird kaum einer mehr schmunzeln über den populären Nachzügler der klassischen Musikszene.

Wie weit die Möglichkeiten des Akkordeons gefächert sind, hat der 1962 geborene Stefan Hussong wiederholt mit seinen Thorofon-Einspielungen demonstriert. Nicht ohne bleibenden Eindruck: Für seine CD "Revolucionario“ mit Tangos von und für Astor Piazzolla erhielt er soeben einen Klassik-Echo. Aber auch andere Alben hatten zuvor großen Anklang gefunden, beispielsweise "Whose Song“ mit Werken des 20. Jahrhunderts oder Hussongs Interpretation von J. S. Bachs "Goldberg-Variationen“, unendlich weit von allen historischen Aufführungspraktiken angesiedelt und doch so überzeugend, dass eine weitere Produktion mit Alter Musik beinahe zwangsläufig folgen musste. In seiner jüngsten Auseinandersetzung mit ebendieser Welt führt der mehrfach interna- tional ausgezeichnete Musiker in den frühesten Barock zurück - zu Girolamo Frescobaldis Canzonen, Capricci und Toccaten. Schon im Orgel- oder Cembalo-Original stellen diese ein Muster fantastischer Expressivität dar, in Hussongs Interpretation lassen sie erst recht ihre scheinbar improvisatorischen, quasi "romantischen“ Qualitäten erkennen. Ein Tasteninstrument, das so flexibel auf den Formungswillen seines Spielers reagiert wie das Akkordeon, mag zwar anachronistisch (und für Puristen ein Unding) sein. Anachronistisch aber war schließlich auch Frescobaldi, der eine außerordentliche „Zukunftsmusik“ geschaffen hat. Nicht einzusehen, warum seine teils meditativen, teils virtuos zerklüfteten Kompositionen auf die Instrumente seiner Zeit beschränkt bleiben sollen.

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